Kontext
Absolvent:innen interdisziplinärer Fachbereiche wie der Wirtschaftsinformatik agieren in der Praxis häufig als Vermittler:innen zwischen verschiedenen Fachdisziplinen.
Entsprechend sind Kompetenzen zur zielgruppengerechten und interdisziplinären Kommunikation mit Personen aus anderen Fachbereichen entscheidend und sollten in der Lehre vermittelt werden. Absolvent:innen sollten insbesondere befähigt sein, fachliche Konzepte für Vertreter:innen anderer Fachbereiche anschaulich zu vermitteln, ein gemeinsames Verständnis sicherzustellen und Lösungen gemeinschaftlich zu entwickeln.
Problem
Zielgruppengerechte und interdisziplinäre Kommunikationskompetenzen werden im Studium oftmals nicht ausreichend vermittelt, da es an geeigneten Lernsituationen mangelt. Projektorientierte Lehrveranstaltungen mit externen Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft sind bei großen Kohorten nur schwer umsetzbar.
Wirkkräfte
- An der Hochschule agieren Studierende zumeist mit Lehrenden und Studierenden der gleichen Fachdisziplin.
- Studierende erkennen die Notwendigkeit und Herausforderungen zielgruppengerechter und interdisziplinärer Kommunikationskompetenz nicht.
- Im Berufsleben wird von Absolvent*innen erwartet, dass sie zielgruppengerechte und interdisziplinäre Kommunikation beherrschen
- Es fehlen geeignete Lernsituationen im Studium, um diese Kompetenzen zu erwerben.
- Eine große Kohorte (z.B. 120 Personen) führt zu sehr vielen Gruppen (z.B. 30). Es ist unrealistisch, so viele Praxisvertreter:innen zu finden und zu koordinieren.
- Die Qualifikation der Studierenden ist in einer frühen Phase des Studiums noch sehr heterogen und nicht unbedingt ergiebig für Praxispartner.
- Es braucht für die Studierenden gleichermaßen einen geschützten Raum des Ausprobierens.
Lösung
Bei Lehrveranstaltungen mit großen Kohorten lassen sich Lernsituationen zur interdisziplinären Kommunikation in Form von Präsentationen und Diskussionen mit Lehrpersonal als fiktiven Vertreter:innen anderer Fachbereiche realisieren.
Details der Lösung
Vorbereitung der Lehrveranstaltung:
Für die Lehrveranstaltung werden mehrere praxisorientierte, jedoch fiktive Projektaufträge mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten erstellt. Die Aufträge werden aus der Perspektive der Fachabteilung eines Unternehmens (Auftraggeber) formuliert und sind von den Studierenden als Expertenteam der eigenen Fachdisziplin (z.B. Informatik/Wirtschaftsinformatik) zu bearbeiten.
Es werden studentische Teams mit jeweils drei bis fünf Studierenden gebildet. Diese werden zu Gruppen aus jeweils drei Teams mit unterschiedlichen Projektaufträgen zusammengefasst. Bei großen Kohorten wird eine entsprechende Anzahl von Gruppen gebildet.
Zu Beginn der Veranstaltung werden Konzepte zur zielgruppengerechten Kommunikation vermittelt. Dabei werden die Anforderungen sowie die Relevanz einer interdisziplinären Kommunikation erörtert.
Eine zielgruppengerechte Präsentation sowie die anschließende Diskussion der Anforderungen mit den fiktiven Auftraggeber:innen sind Teil der Bewertungskriterien der Veranstaltung. Diese werden zu Semesterbeginn erläutert.
Durchführung der Lehrveranstaltung:
Die studentischen Teams bearbeiten die Projektaufträge im Semester selbstständig. Ein Austausch mit den fiktiven Auftraggeber:innen ist über das Lernmanagementsystem zur Klärung von Anforderungen möglich.
In drei bis fünf Meilensteinsitzungen sollen die Zwischenergebnisse des Projekts präsentiert und diskutiert werden. Anwesend sind alle Studierenden der drei Teams der Gruppe sowie zwei Dozent:innen.
Als Zielgruppe für die Präsentation und Diskussion werden nicht die Dozierenden an sich, sondern die durch sie simulierten Auftraggeber:innen des fiktiven Unternehmens aus einem fremden Fachbereich spezifiziert. Durch diesen Aspekt des Rollenspiels wird eine interdisziplinäre Kommunikation auf eine Weise simuliert, die sich auch für große Kohorten eignet.
Für die Präsentation in der Meilensteinsitzung ist jeweils ein:e Studierende:r der Gruppe verantwortlich. Die Präsentation dauert 15 bis 20 Minuten. Darüber hinaus sind 5 bis 10 Minuten für die Diskussion von Fragestellungen an Auftraggeber:innen eingeplant. Die Präsentierenden werden in Bezug auf allgemeine Kriterien wie die Struktur der Präsentation, die inhaltliche Kompetenz und den Vortragsstil sowie für eine „auftraggebergerechte (interdisziplinäre) Kommunikation” der Inhalte und die Vorbereitung geeigneter Fragestellungen für die Auftraggeber:innen bewertet.
In der Meilensteinpräsentation werden die Auftraggeber:innen durch die zwei anwesenden Dozent:innen simuliert. (Alternativ könnten Studierende diese Rolle einnehmen. Dies hat sich beim Praxisbeispiel (siehe unten) allerdings als herausfordernd erwiesen.) Neben ihrem Feedback zu den präsentierten Inhalten geben die Dozent:innen explizites Feedback zur interdisziplinären Kommunikation.
Als mögliche Erweiterung können die Studierenden der beiden anderen zur Gruppe gehörenden Teams im Auditorium mithilfe von Peer-Feedback-Bögen Feedback an die präsentierenden Studierenden geben.
Folgen (Vorteile, Nachteile)
Die Lehrpraxis hat Vorteile:
Sie macht Studierende auf die Bedeutung einer interdisziplinären Kommunikationskompetenz aufmerksam.
Zudem ermöglicht sie auch bei großen Kohorten realitätsnahe Lernsituationen. In diesen fiktiven und somit relativ geschützten Raum können sich die Studierenden ausprobieren.
Durch die gemeinsamen Meilensteine mit anderen Teams erleben sie eine Vielzahl weiterer guter und schlechter Beispiele für eine zielgruppengerechte Kommunikation.
Durch das Peer-Feedback an die Präsentierenden werden die Studierenden im Auditorium angeregt, ihre Aufmerksamkeit auch auf die Art und Weise der interdisziplinäre Kommunikation zu richten.
Durch den Perspektivwechsel werden die Studierenden dafür sensibilisiert, dass ein Vortrag, der fachlich exzellent sein mag, bei unzureichender Kommunikation trotzdem wenig effektiv ist.
Es bestehen allerdings einige Nachteile:
Die Aufgabenstellung und Kommunikation sind fiktiv. Für einzelne Studierende ist es schwierig, gegenüber den ihnen bekannten Dozent:innen die Perspektive einer interdisziplinären Kommunikation einzunehmen. Deshalb ist eine Betonung der Rollen zu Beginn jeder Meilensteinsitzung wichtig.
Der zeitliche Rahmen für Dozent:innen, um rein fachliche Inhalte im Rahmen der Meilensteine zu diskutieren, wird reduziert. Dies kann durch nachgelagertes fachliches Feedback (z. B. über ein Forum) zum Teil kompensiert werden.
Beim Peer-Feedback können die Studierenden Bedenken haben, die Bewertung des Präsentierenden durch das Feedback negativ zu beeinflussen. Dies kann durch eine transparente Kommunikation und ein Notenschema teilweise entkräftet werden.
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