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Didaktische Entwurfsmuster aus Hochschullehre und Hochschuldidaktik

Leitlinien für die Nutzung generativer KI in Open-Book-Prüfungen formulieren

Abstract

Open-Book-Prüfungen ermöglichen eigenständige Transferleistungen, stehen aber durch generative gKI vor neuen Herausforderungen. Dieses Pattern zeigt, wie Leitlinien zur gKI-Nutzung formuliert werden können, die Transparenz sichern und Eigenständigkeit sowie wissenschaftliche Redlichkeit wahren, ohne Studierende von sinnvollen Unterstützungsformen mit gKI abzuschneiden.

elektronisches PrüfenKünstliche IntelligenzLehre im Team organisierenLehrentwicklungPrüfen
Pattern

Kontext

In vielen Studiengängen werden Open-Book-Prüfungen eingesetzt, bei denen Studierende auf Unterlagen, Literatur und eigene Materialien zurückgreifen dürfen. Diese Prüfungsform zielt darauf, Anwendungs- und Transferleistungen zu prüfen, etwa indem Fälle analysiert oder Konzepte auf neue Situationen bezogen werden. Gefordert ist dabei eine eigenständige, wissenschaftlich fundierte Leistung, die über bloße Wiedergabe hinausgeht und zeigt, wie Studierende ihr erworbenes (theoretisches) Wissen reflektiert anwenden können.

Problem

Mit dem Aufkommen generativer künstliche Intelligenz-Tools (kurz gKI; z.B. ChatGPT, Copilot, Gemini) setzen Studierende diese auch vermehrt als textproduzierendes Hilfsmittel in Open-Book-Prüfungen ein. Dabei kann eine Spannung zwischen den Anforderungen an Eigenständigkeit und wissenschaftlicher Redlichkeit auf der einen Seite und dem Einsatz von gKI auf der anderen Seite entstehen.

Wirkkräfte

  • Offenheit des Formats: Open-Book-Prüfungen erlauben prinzipiell den Rückgriff auf vielfältige Hilfsmittel.
  • Eigenständigkeit: Die Prüfungsordnung fordert eine individuelle, nicht-kooperative Leistung.
  • Verfügbarkeit von gKI: Generative Systeme können Analysen, Argumente und Textbausteine erstellen, die die Eigenleistung unterlaufen.
  • Unterstützungsfunktion: gKI kann zugleich beim sprachlichen Feinschliff, bei der Strukturierung und bei Reflexionsprozessen sinnvoll unterstützen.
  • Transparenz vs. Täuschung: Ein verschleierter gKI-Einsatz gefährdet die Prüfungsgerechtigkeit, während ein transparenter Umgang Lern- und Reflexionschancen eröffnet.
  • Verführung: Der Dialog mit einer gKI ist so angelegt, dass diese von sich aus immer noch weiterreichendere Bearbeitungsschritte anbietet.
  • Überzeugungskraft: Eine gKI argumentiert (scheinbar) so vollständig, elaboriert und überzeugend, dass Studierende ihre Reflexionschancen ungenutzt lassen.
  • Professionalisierung: Studierende sollen lernen, digitale Tools kritisch und reflektiert in wissenschaftlichen Kontexten einzusetzen.

Lösung

Erstelle eine verbindliche Handreichung für Studierende, die die Nutzung von gKI in Open-Book-Prüfungen regelt, und verknüpfe sie unmittelbar mit einer erweiterten Eigenständigkeitserklärung im Lernmanagementsystem. Diese Handreichung legt fest, welche Formen der Unterstützung zulässig sind und welche als unzulässige Co-Autor:innenschaft gelten. Durch die Eigenständigkeitserklärung bestätigen Studierende vor Abgabe der Prüfung, dass sie diese Leitlinien verstanden haben und einhalten werden. Auf diese Weise werden die Vorgaben nicht nur transparent kommuniziert, sondern auch für Studierende und Lehrende rechtlich und organisatorisch abgesichert.

Details der Lösung

Umsetzung

In der Umsetzung orientieren sich die Studierenden an klaren Leitlinien zur Nutzung von gKI in Open-Book-Prüfungen. Solch eine Leitlinie könnte z.B. regeln, dass der Einsatz nur dort zulässig ist, wo die Eigenleistung nicht ersetzt, sondern unterstützt wird – etwa durch sprachliche Überarbeitung (Rechtschreibung, Grammatik, stilistische Glättung), Hilfen zur Strukturierung (z. B. Gliederungsvorschläge, Mindmaps) oder Anlässe zur Reflexion (z. B. Rückmeldungen zum Aufbau einer Argumentation). Auch bezüglich Übersetzungshilfen ließe sich festlegen, dass diese nicht inhaltlich-generierend wirken. Die vorgeschlagenen Formen gelten als erlaubt, weil sie Verständlichkeit, Ordnung und Selbstkontrolle fördern, ohne die eigentliche Prüfungsleistung zu übernehmen.

Nicht erlaubt ist jede Nutzung, die inhaltlich-generierend auftritt: etwa das automatische Erstellen ganzer Textabschnitte, die Übernahme von Argumenten, Definitionen oder Interpretationen durch die gKI oder gar die vollständige Erstellung der Prüfungsleistung. Auch verdeckte Nutzung fällt darunter und gilt als Täuschungsversuch. Diese Formen sind ausgeschlossen, weil sie die geforderte Eigenständigkeit, wissenschaftliche Redlichkeit und Vergleichbarkeit der Leistungen gefährden.

Vorbereitung

Lehrende müssen die Leitlinien zur Nutzung von gKI vorab klar definieren und in einer Handreichung für Studierende dokumentieren. Diese enthält die Kriterien, welche Unterstützungsformen zulässig sind (z. B. sprachliche Überarbeitung, Strukturierung, Reflexion) und welche Nutzungen ausgeschlossen werden (z. B. vollständige Textproduktion, Übernahme von Argumenten oder Interpretationen). Zusätzlich ist eine verbindliche Eigenständigkeitserklärung vorzubereiten und im Lernmanagementsystem technisch zu integrieren, sodass Studierende die Leitlinien bestätigen, bevor sie die Prüfungsleistung einreichen. Ebenso sollten die Erwartungen und Konsequenzen eines Verstoßes im Vorfeld der Lehrveranstaltung erläutert werden, damit die Regeln nicht nur formal vorliegen, sondern auch verstanden und akzeptiert sind.

Zur formalen Umsetzung gehört:

  • Erstellen einer klaren schriftlichen Handreichung, die für Studierende verbindlich ist.
  • Differenzierung zwischen erlaubten Unterstützungsformen (sprachliche Überarbeitung, Gliederungshilfen, Reflexion) und unzulässigen Nutzungen (vollständige Textproduktion, Argumentationen, Co-Autorenschaft).
  • Transparenz darüber, dass gKI-Produkte keine wissenschaftlichen Quellen sind und daher nicht wie Fachliteratur zitiert werden dürfen.
  • Integration einer erweiterten Eigenständigkeitserklärung in das Lernmanagementsystem, die erst freigeschaltet wird, wenn Studierende ihr Verständnis und Einverständnis bestätigen.
  • Klärung im Vorfeld der Lehrveranstaltung, warum Transparenz erwartet wird und welche Konsequenzen ein Täuschungsversuch hat.

Zur besseren Verständlichkeit empfiehlt es sich, die Leitlinien zusätzlich in Form eines Entscheidungsweges aufzubereiten: Studierende prüfen dabei entlang einfacher Ja/Nein-Fragen, ob ihre KI-Nutzung zulässig ist („Dient die KI-Nutzung zur Reflexion, Strukturierung oder sprachlichen Verbesserung – also als Denkwerkzeug?” → Ja = erlaubt; „Habe ich Inhalte direkt übernommen – z. B. Definitionen, Argumente, Interpretationen – und nicht weiterentwickelt oder kritisch hinterfragt?” → Ja = unzulässig). Unterstützt werden kann dies durch ein Ampelsystem, das klare Signale setzt: Grün = erlaubt, Gelb = nur mit Vorsicht und kritischer Weiterbearbeitung, Rot = unzulässig.

So wird bereits vor Beginn der Prüfung sichergestellt, dass alle Beteiligten die Leitlinien kennen, akzeptieren und zugleich ein anschauliches Instrument an der Hand haben, um ihre eigene gKI-Nutzung verantwortungsvoll zu prüfen.

Durchführung

Während der Bearbeitung einer Open-Book-Prüfung können Studierende gKI-Tools unterstützend einsetzen, etwa um ihre Gedanken zu ordnen, sprachliche Formulierungen zu verbessern oder alternative Ausdrucksweisen zu erproben. Entscheidend ist dabei, dass der Einsatz reflektiert erfolgt und transparent gemacht wird. Die wissenschaftliche Eigenleistung besteht darin, zentrale Inhalte und Argumentationen selbst zu entwickeln und zu verantworten. gKI darf also als Werkzeug zur Unterstützung genutzt werden, nicht aber zur Generierung von Analysen, Deutungen oder ganzen Argumentationsketten. Wichtig bleibt, dass die eigene Leistung klar erkennbar ist und der Arbeitsprozess für Dritte nachvollzogen werden kann.

Nachbereitung

Nach Abschluss der Prüfung prüfen Lehrende zunächst die Angaben der Studierenden zur gKI-Nutzung in der Eigenständigkeitserklärung. Wo notwendig, können stichprobenartig Arbeiten auf verdeckten Einsatz hin untersucht oder im Rahmen von Nachfragen plausibilisiert werden. Der Schwerpunkt der Nachbereitung liegt jedoch nicht auf Kontrolle allein, sondern auf Rückmeldung: Studierende sollen erfahren, ob sie die Leitlinien korrekt umgesetzt haben und wie ihr Umgang mit gKI im Lichte wissenschaftlicher Redlichkeit zu bewerten ist. Neben der Sicherung der Prüfungsqualität bietet die Nachbereitung somit auch eine Lerngelegenheit: Reflexion über Chancen und Grenzen von gKI wird Teil der professionellen Entwicklung und unterstützt den Aufbau eines reflektierten, verantwortungsvollen Umgangs mit digitalen Werkzeugen.

Erforderliche Werkzeuge

  • Handreichung mit Leitlinien zur Nutzung von gKI in Open-Book-Prüfungen als verbindliche Grundlage.
  • Lernmanagementsystem mit Abgabefunktion und integriertem Formular für die Eigenständigkeitserklärung.

Stolpersteine

  • Unklare Abgrenzung: Studierende sind unsicher, was genau als „unterstützend“ gilt und wo bereits eine inhaltlich-generierende Nutzung beginnt. Ohne präzise Beispiele besteht die Gefahr von Fehlinterpretationen.
    • Idee: In der Handreichung konkrete Positiv- und Negativbeispiele nennen, Entscheidungshilfen wie Ampelsystem oder Entscheidungsweg einbauen.
  • Verdeckte Nutzung: Trotz klarer Leitlinien kann gKI heimlich oder nicht kenntlich gemacht eingesetzt werden. Eine sichere Identifizierung ist zwar schwierig, doch verdeckte gKI-Nutzung fällt häufig durch oberflächliche Darstellungen, ungenaue Verwendung von Fachbegriffen oder den Verzicht auf fachspezifische Methoden auf. Solche Arbeiten wirken oft „glatt“ formuliert, bleiben aber fachlich unpräzise und wenig differenziert.
    • Idee: Studierenden transparent machen, dass verdeckte gKI-Nutzung inhaltlich keine Vorteile bringt, weil erfahrene Lehrende durch ihre Expertise typische Schwächen schnell erkennen können. Aufzeigen, dass die Qualität der eigenen Leistung darunter leidet, während Offenlegung und Reflexion keine Nachteile mit sich bringen. Dadurch wird der Anreiz zur Verschleierung minimiert.
  • „Effizienzfalle“ und „Vollständigkeitsillusion“: Die Nutzung generativer KI-Tools kann bei ungeübten Schreibenden die Komplexität des Schreibprozesses erhöhen und bestehende Schreibschwierigkeiten verstärken. Zudem können elaboriert wirkende gKI-Texte eine illusionäre Form von Verstehen, Stringenz oder Objektivität suggerieren, die nicht dem tatsächlichen Verständnisstand entspricht.
    • Idee: Schreibwerkstätten in der Lehre verankern, tutorielle Begleitung anbieten und ergänzende Selbstlernangebote (z. B. auf Moodle) bereitstellen, um Schreibkompetenzen schrittweise aufzubauen und die Reflexion über gKI-Outputs zu fördern.
  • Fehlen grundlegender Arbeitsstrategien: Ein reflektierter Umgang mit gKI setzt voraus, dass Studierende zunächst ein iteratives und dialogisches Arbeiten einüben. Sie müssen lernen, ihre Anliegen präzise zu formulieren, bevor über prüfungsangemessene Einsatzformen gesprochen werden kann.
    • Idee: Kurze, praxisnahe Übungen zur Promptentwicklung, angeleitete Mini-Dialoge mit gKI unterstützen den Aufbau dieser grundlegenden Arbeitsstrategien.
  • Formale Pflichterfüllung statt Reflexion: Studierende geben die gKI-Nutzung zwar an, reflektieren aber nicht, welchen Einfluss sie auf ihre Leistung hatte. Dadurch wird die Lernchance verpasst.
    • Idee: In der Eigenständigkeitserklärung oder im Abgabeformular kurze Reflexionsfragen einbauen („Wofür haben Sie gKI genutzt? Welchen Mehrwert/Nachteil hatte dies für Ihre Arbeit?“).
  • Verunsichernde Regelgestaltung: Zu strenge oder abstrakt formulierte Vorgaben können dazu führen, dass Studierende sich weniger sicher in ihrem eigenen Arbeitsprozess fühlen. Dies steht dem Ziel entgegen, Kompetenzen für einen reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit gKI zu entwickeln.
    • Idee: Leitlinien sollten daher klar, nachvollziehbar und unterstützend formuliert sein. Dazu gehören auch verständliche Deklarationshinweise, mit welchen die Studierenden ihre Nutzung von gKI transparent machen.
  • Zusätzlicher Aufwand für Lehrende: Die Kommunikation der Leitlinien, die Kontrolle von Eigenständigkeitserklärungen und mögliche Nachfragen erhöhen die Arbeitsbelastung.
    • Idee: Entwicklung gemeinsamer, verlässlicher Handreichungen und Materialien im Team von Lehrenden. So entstehen abgestimmte Texte, Beispiele und Prozesse, die mehrfach genutzt werden können und für Konsistenz sorgen. Dadurch reduziert sich der Aufwand für Einzelne und die Verantwortung verteilt sich auf mehrere Schultern.
  • Hohe Studierendenzahlen: Bei großen Kohorten ist es kaum möglich, allen Studierenden individuelles Feedback zum Umgang mit gKI in Prüfungsleistungen zu geben. Rückmeldungen beschränken sich daher oft auf allgemeine Hinweise, wodurch der Lernwert für Einzelne sinkt.
    • Idee: Statt individueller Rückmeldungen können Gruppenfeedbacks oder Beispiele typischer Fehler und guter Lösungen genutzt werden, die allen zugänglich sind. Ergänzend bietet sich Peer-Feedback an, um Rückmeldungen breiter zu streuen. Zudem können freiwillige Zusatzaufgaben bereitgestellt werden, deren Bearbeitung jedoch meist nur von einem kleineren Teil der Studierenden genutzt wird. Damit bleibt eine individuelle Vertiefung möglich, ohne dass der Aufwand für Lehrende untragbar wird.
  • Technische Grenzen: gKI-Detektionstools sind unzuverlässig und können Fehlalarme erzeugen. Sie eignen sich höchstens als Hinweis, nicht als Beweis.
    • Idee: Tools nur als Hinweis, nie als Beweis nutzen. Auch auf eigene fachliche Expertise vertrauen. Verifikation durch Rückfragen oder mündliche Erläuterungen sicherstellen.
  • Ungleichheiten: Manche Studierende verfügen über mehr Erfahrung im Umgang mit gKI-Tools, andere über weniger. Ohne begleitende Erläuterungen kann dies zu Ungleichheiten in den Lern- und Prüfungsbedingungen führen.
    • Idee: In die Handreichung eine kurze Anleitung für gutes Prompting integrieren (z. B. nach dem K.L.A.R.-Prinzip: Kontext geben, Lernziel nennen, Art der Antwort bestimmen, Rolle zuweisen). So erhalten alle Studierenden eine gemeinsame Grundlage für den Umgang mit KI und können die unterstützenden Funktionen gleichmäßiger nutzen.

Folgen (Vorteile, Nachteile)

Vorteile

  • Eigenständigkeit bleibt gewahrt, da Inhalte und Analysen von Studierenden selbst verantwortet werden. Offenheit des Formats wird gesichert, weil gKI als unterstützendes Werkzeug erlaubt bleibt.
  • Transparenz schafft Fairness und Schutz vor Täuschungsvorwürfen.
  • Förderung der professionellen Kompetenz im reflektierten Umgang mit gKI.

Nachteile

  • Zusätzlicher organisatorischer Aufwand für Lehrende (Kommunikation, Kontrolle).
  • Gefahr, dass Studierende gKI trotz oder wegen der Leitlinien unzulässig nutzen.
  • Potenziell unterschiedliche Interpretationen von „unterstützend“ vs. „generierend“.

Praxisbeispiele, Medien & Literatur
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Praxisbeispiele

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Links

Downloads

Literatur

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Zitiervorschlag

Herfter, Christian; Hinneburg, Ariane (2026): Leitlinien für die Nutzung generativer KI in Open-Book-Prüfungen formulieren. Veröffentlicht am 12. Juni 2026 auf patternpool.de.

Lizenz des Textes

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