Kontext
Hochschulen stehen vor der Aufgabe, sich strategisch weiterzuentwickeln, weil gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Internationalisierung neue Anforderungen an Studium, Lehre und Forschung stellen. Hochschulentwicklungspläne formulieren diese Herausforderungen als zentrale Ziele und verdeutlichen, dass Studiengänge und Lehrkonzepte kontinuierlich auf diese Anforderungen bezogen weiterentwickelt werden müssen. Dabei geht es auch darum, entsprechende Zukunftskompetenzen zu integrieren und deren Aneignung und Entwicklung curricular zu ermöglichen.
Die Verantwortung für die Initiierung und Gestaltung dieser strategischen Organisationsentwicklungsprozesse wird im Zusammenspiel von Hochschulleitung und hochschuldidaktischen Einrichtungen wahrgenommen, die gemeinsam den strukturellen Rahmen, die Verfahren und die Beteiligung der relevanten Akteur*innen definieren und umsetzen. Die Verantwortung für den entstehenden Prozess, also die Themen in die eigenen Curricula zu integrieren, liegt dann bei den Fachbereichen und Lehrenden.
Problem
Die strategische Weiterentwicklung von Hochschulen wird häufig auf institutioneller Ebene initiiert und vorgegeben. Gleichzeitig sind Hochschulen durch eine ausgeprägte Dezentralität gekennzeichnet: Fachbereiche verfügen über weitreichende Autonomie und sind von unterschiedlichen fachkulturellen Prägungen beeinflusst. Diese strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen erschweren die kohärente Umsetzung übergeordneter Entwicklungsziele.
Vor diesem Hintergrund fehlt es an einem verbindenden, orientierenden Prozess, der die Integration neuer strategischer Themen in Curricula und Lehre systematisch begleitet. Es fehlt ein vorgegebener Handlungsrahmen, durch den die gewünschte Veränderung initiiert wird, der aber gleichzeitig die Autonomie bewahrt und eigene Entscheidungen zulässt.
Wirkkräfte
Hochschulen befinden sich in Transformationsprozessen, bei denen strategische Vorgaben der Leitung auf die stark individualisierte Lehrpraxis treffen. Dieses Spannungsfeld sorgt dafür, dass strategische Ziele nicht automatisch in der Lehre ankommen und Lehrende sich teils alleine gelassen fühlen. Insbesondere mangelt es an Ansätzen, die nicht ausschließlich top-down gesteuert sind, sondern partizipativ gestaltet werden und dadurch eine nachhaltige Verankerung in den Fachbereichen ermöglichen.
Strategieprozesse ohne Dialog laufen Gefahr, abstrakt zu bleiben und nicht in konkrete curriculare Maßnahmen übersetzt zu werden.
Einzelne Lehrinnovationen führen nicht zu einer grundsätzlichen Veränderung der Hochschulpraxis. Eine Verbreitung der Ideen scheitert häufig an mangelnden Ressourcen, organisatorischen oder formalen Regeln und verbleibt daher oftmals auf Modulebene der einzelnen Lehrenden.
Strategisch gesetzte Themen werden innerhalb von Fachbereichen häufig unterschiedlich verstanden, priorisiert und in die Lehre integriert. Eine zentrale Wirkkraft liegt darin, dass Lehrende anerkennen müssen, dass ihnen zu bestimmten Themen – etwa Nachhaltigkeit – Wissen fehlt, das sie zunächst aufbauen müssen. Erst dadurch können Anforderungen verstanden, curriculare Auswirkungen eingeschätzt und konkrete Themen oder Fragestellungen geschärft werden, zu denen sich Fachbereiche systematisch austauschen und weiterentwickeln sollen.
Die Forderung nach einer Weiterentwicklung der Studiengänge stellt Lehrende häufig vor erhebliche Herausforderungen, da hierfür fachliche Inhalte mit überfachlichen Themen verknüpft und Perspektiven nicht nur auf Modul-, sondern auf Studiengangsebene eingenommen werden müssen. Der damit verbundene Wechsel auf eine stärker systemische und abstrahierende Betrachtungsebene erfordert Kompetenzen, die im Hochschulalltag nicht immer selbstverständlich ausgeprägt sind, insbesondere die Fähigkeit, Veränderungsprozesse auf Studiengangsebene zu initiieren, zu steuern und nachhaltig voranzubringen.
Lösung
Als Lösung wird ein verbindender Rahmenprozess etabliert, der im Folgenden „Framework-Prozess“ genannt wird. Dieser ist in die Abläufe der Akkreditierung eingebettet und den Curriculumswerkstätten vorgelagert. Innerhalb dieses Prozesses durchlaufen die Fachbereiche strukturierte Phasen der Reflexion, Analyse und Ideengenerierung zu den strategischen Themen der Hochschule und werden dabei durch die Hochschuldidaktik begleitet und unterstützt.
Der Framework-Prozess übernimmt damit eine Brückenfunktion zwischen der übergeordneten strategischen Ausrichtung und der konkreten Weiterentwicklung von Curricula und Lehre. Er ermöglicht es den Fachbereichen, strategische Ziele eigenständig zu erschließen, fachkulturell einzuordnen und in ihre Studiengänge zu integrieren. Auf diese Weise wird eine kohärente, zugleich partizipativ getragene und nachhaltig verankerte Umsetzung der Hochschulstrategie erreicht.
Details der Lösung
Der Framework-Prozess besteht aus drei wesentlichen Schritten: Reflexion, Analyse und Ideengenerierung. Grundlage hierfür ist ein von der Hochschulleitung vorgeschlagenes oder verbindlich gesetztes Instrument, etwa ein Kompetenzmodell oder ein strukturierter Fragebogen, das den Austausch rahmt, Vergleichbarkeit herstellt und eine gemeinsame Referenz für die Verständigungs- und Entwicklungsprozesse bildet.
Diese Lösung wird am Beispiel des Framework-Prozesses der FH Aachen anhand der Elemente Framework-Fragebogen (als Reflexionsinstrument), Framework-Foren (Reflexion) und FrameWORKshop (Analyse und Ideengenerierung) beschreiben.
Rollen und Beteiligte
Im Framework-Prozess sind die Verantwortlichkeiten zwischen Fachbereich und der Hochschuldidaktik (an der FH Aachen das Zentrum für Hchschuldidaktik und Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre (ZHQ)) klar verteilt. Der Fachbereich trägt die Verantwortung für die Ergebnisse des Prozesses und deren weitere Nutzung. Dekanat und Studiengangsleitungen sichern, dass der Fachbereich aktiv mitarbeitet, die relevanten Personen beteiligt werden und die Ergebnisse in die fachbereichs- und studiengangsbezogene Weiterentwicklung einfließen können. Das ZHQ stellt den methodischen Rahmen bereit, bringt Erfahrungswerte ein, koordiniert und begleitet den Prozess.

Framework-Fragebogen
Als gemeinsamen Referenzrahmen hat sich die FH Aachen für die Entwicklung eines Fragebogens entschieden. Der so genannte Framework-Fragebogen wurde in einem partizipativen Prozess von den Studiendekan*innen aller Fachbereiche der FH Aachen, dem Prorektor für Studium und Lehre und unter Begleitung und Unterstützung vom Zentrum für Hochschuldidaktik und Qualitätsmanagement in Studium und Lehre (ZHQ), entwickelt.
Der Framework-Fragebogen umfasst derzeit 36 Items, die sich auf jeweils drei Themenbereiche – curriculare Lernziele, Lehrmethoden und -formate sowie Strategie, Kultur und Ressourcen – beziehen. Die Items sind als angestrebte Idealzustände formuliert und durch praxisnahe Beispiele, die den Transfer von den Fragestellungen in konkrete Lehrkontexte erleichtern, ergänzt. Die Beantwortung erfolgt über eine Selbsteinschätzung des jeweiligen Erfüllungsgrades (erfüllt, teilweise erfüllt, nicht erfüllt).


Framework-Foren
Im ersten Schritt steht die strukturierte Selbstreflexion im Zentrum. Die Fachbereiche nutzen den Framework-Fragebogen mit möglichst breiter Beteiligung als Self-Assessment-Instrument. Auf dieser Grundlage setzen sie sich systematisch mit den Strategiethemen auseinander. Ziel ist es, die Themen auf Studiengänge und Lehrpraxis zu beziehen, ihren aktuellen Entwicklungsstand zu erfassen und ein konsolidiertes Gesamtbild zu gewinnen.
In moderierten Austauschformaten, den Framework-Foren, werden pro Strategiethema die einzelnen Fragebogenitems innerhalb der Fachbereiche gemeinsam diskutiert und kontextualisiert. Durch diesen dialogischen Prozess werden zentrale Begriffe geschärft, ein gemeinsames Verständnis entwickelt, bestehende Aktivitäten sowie bereits implementierte Maßnahmen sichtbar gemacht und Lücken identifiziert. Im Anschluss an die jeweils fünfminütige Diskussionsphase haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, den wahrgenommenen Erfüllungsgrad der behandelten Aspekte individuell im Fragebogen anzukreuzen. Um darüber hinaus auch jenen Mitgliedern des Fachbereichs eine Beteiligung zu ermöglichen, die an den Foren nicht teilnehmen konnten, besteht die Gelegenheit, die Fragebögen im Nachgang auszufüllen.
Abschließend erhalten die Fachbereiche eine Fotodokumentation der im Forum erarbeiteten Ergebnisse sowie eine Auswertung der Fragebogenergebnisse. Letztere wird dem Dekanat zur Verfügung gestellt, fließt jedoch nicht in den weiteren Prozess ein.
Eine detailliertere Beschreibung der Framework-Foren liefert das Pattern „Framework-Foren in der Curriculumentwicklung: Strategiethemen gemeinsam reflektieren“.
FrameWORKshop
Nach der Reflexion schließt die Analysephase an. Diese ist Teil des eintägigen FrameWORKshops, zu dem Lehrende und Studierende des Fachbereichs vom Dekanat eingeladen werden. Ausgehend von dem in den Framework-Foren gemeinsam erarbeiteten Verständnis fokussieren und priorisieren die Workshopteilnehmenden, bezüglich welcher Themen sich der Studiengang weiterentwickeln möchte. Ziel ist es, Ideen und konkrete Maßnahmen für die Curriculumsentwicklung sowie für die Umsetzung der Strategieprozesse abzuleiten. In einem gemeinschaftlichen Prozess, dem Ideen-Lab, werden dazu in Kleingruppen mögliche Maßnahmen, Formate und strukturelle Veränderungen identifiziert, die geeignet sind, die priorisierten Themen nachhaltig im Studiengang und im Fachbereich zu verankern und weiterzuentwickeln. Die Ergebnisse der Kleingruppen werden festgehalten und abschließend im Plenum vorgestellt. Dadurch, sowie durch Feedbackschleifen innerhalb des Ideen-Labs besteht die Chance, dass alle Beteiligten an allen Themen mitwirken können und über Umsetzungsideen informiert sind. Es wird identifiziert und festgehalten, welche Aufgaben aus dem Ideen-Lab entstanden sind, welche Aufträge in den Curriculumswerkstätten aufgegriffen werden sollen und wer die Verantwortung für die Maßnahmenumsetzung übernimmt. Ein typischer Ablauf eines Ideen-Labs befindet sich im Downloadbereich.
Verbindung zwischen Framework-Prozess und curricularer Entwicklungsarbeit
Nach Abschluss des Framework-Prozesses startet die Arbeit am Curriculum in den Curriculumswerkstätten. Curriculumswerkstätten sind hochschuldidaktisch begleitete Abstimmungs- und Entwicklungsformate, in denen Studiengänge kompetenzorientiert reflektiert, überprüft und weiterentwickelt werden. Dabei werden an der FH Aachen die strategischen Themen der Hochschule auf Studiengangsziele, curriculare Strukturen, Module und Lehrpraxis bezogen. Der Framework-Prozess bereitet diese Arbeit vor, indem er über Reflexion, Analyse und Ideengenerierung ein gemeinsames Verständnis, Entwicklungsbedarfe und erste Umsetzungsideen sichtbar macht. In den Curriculumswerkstätten werden diese Ideen verdichtet und in konkrete curriculare Entwicklungsentscheidungen überführt. Ein Beispiel dafür, wie strategisch relevante Themen im Anschluss an den Framework-Prozess weiterbearbeitet werden können, etwa indem Schlagwortsammlungen entstehen, Themenfelder strukturiert werden und daraus Ansatzpunkte für die curriculare Verankerung abgeleitet werden, ist eine „Hashtag-Werkstatt„.
Stolpersteine
- Unterschiedliche Fachkulturen erfordern hohe Abstimmungs- und Moderationsaufwände. Der Framework-Prozess bietet zwar eine Struktur, erfordert jedoch zugleich eine kontinuierliche Anpassung an fachbereichsspezifische Logiken und Bedeutungszuschreibungen, damit die Maßnahmen vor Ort wirksam werden. Im Pattern beschrieben ist ein idealtypischer Prozess, der variabel bleibt.
Eine Möglichkeit ist ein Framework light: Statt in 90-minütigen Foren alle Items des Fragebogens zu diskutieren, priorisieren die Lehrenden vorab, welche Items besonders relevant sind. Alternativ können die Foren parallel stattfinden, sodass Lehrende gezielt das Thema wählen, zu dem sie mitdiskutieren möchten.
- Die Erwartung aktiver Beteiligung kann bei Lehrenden auf geringe Motivation stoßen, insbesondere wenn der direkte Nutzen für die eigene Lehre nicht unmittelbar sichtbar ist. Verstärkend wirkt, dass es vielen Lehrenden schwerfällt, von der Modul- auf die Studiengangsebene zu wechseln und das Curriculum als zusammenhängendes Ganzes zu betrachten.
Das Team Curriculumsentwicklung begleitet den gesamten Prozess methodisch und moderativ. In den Austauschformaten achtet die Moderation darauf, Diskussionen immer wieder auf die Studiengangsebene zurückzuführen, wenn sie zu stark auf einzelne Module oder Lehrveranstaltungen verengt werden.
- Die Unterstützung durch Dekanate und Studiengangsleitungen ist eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz des Prozesses. Treten diese Akteur*innen nicht sichtbar unterstützend auf oder stehen dem Strategieprozess bzw. einzelnen Themen skeptisch gegenüber, kann dies die Arbeit im Prozess belasten. Moderator*innen müssen dann stärker mit Vorbehalten umgehen, wodurch der Austausch erschwert und die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses verlangsamt werden kann.
Folgen (Vorteile, Nachteile)
Vorteile
- Der Framework-Prozess ist ein partizipativer, verbindlicher Prozess, durch den abstrakte Strategien in konkrete curriculare Maßnahmen übersetzt werden können. Die Struktur entlang der Bereiche Reflexion, Analyse und Ideengenerierung gibt einen roten Faden und lässt gleichzeitig Raum für eigene, fachkulturelle Handlungsweisen.
- Die gemeinsame Reflexion anhand des Fragebogens und der Analyse des Ist-Zustands schaffen ein geteiltes Verständnis des Studiengangs und ermöglichen gezielte statt punktueller Weiterentwicklung. Strategische Themen werden konsistenter interpretiert und abgestimmt, wodurch eine klarere Linie in der Lehre bzgl. der Strategiethemen entsteht.
- Dialogorientierte Formate, wie die Framework-Foren und der FrameWORKshop, reduzieren das Spannungsfeld zwischen Top-down-Vorgaben und dezentraler Autonomie, da Fachbereiche aktiv eingebunden sind. Außerdem schafft der Framework-Prozess einen institutionell eher seltenen, aber essentiellen Raum für Austausch, Verständigung und strategische Reflexion in der Breite des Kollegiums. Entwicklungsrichtungen können kollektiv ausgehandelt, Prioritäten geschärft und Verantwortlichkeiten nicht mehr ausschließlich individualisiert, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden werden. Ein weiterer Effekt besteht in der erhöhten Transparenz über bereits bestehende Aktivitäten innerhalb des Fachbereichs. Sichtbar wird, welche Initiativen, Ansätze und Good Practices bereits vorhanden sind.
- Die geschaffene Transparenz im Veränderungsprozess macht Ziele und Entscheidungen nachvollziehbar und ermöglicht Beteiligung und aktive Mitgestaltung des Studiengangs. Der konsequente Fokus auf Studiengangsebene lenkt den Blick weg von isolierten Modulen hin zu einem übergreifenden Verständnis von Lehre, wodurch die Lehrenden leichter eine ganzheitliche Perspektive einnehmen und Zusammenhänge im Curriculum erkennen können.
Nachteile
- Der zeitliche und organisatorische Aufwand ist hoch, da der Framework-Prozess im Rahmen der Akkreditierung stattfindet und an feste Fristen gebunden ist. Zusätzliche Termine und Abstimmungen müssen in den ohnehin dichten Arbeitsalltag integriert werden, während gleichzeitig weitere Anforderungen der Akkreditierung bearbeitet werden müssen. Diese Mehrbelastung kann zu Widerstand führen und die Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung verringern.